Dienstag, 13. Juni 2017

Pärnu - Tallinn

Es ist nicht so, dass ich die restlichen 130km am heutigen Tag zurückgelegt hätte. Auf der Suche nach der gestern angekündigten Alternative musste ich einsehen, dass ein Veloweg ab Pärnu mit etlichen zusätzlichen Kilometern verbunden  gewesen wäre. Deshalb entscheide ich mich für eine Zugfahrt bis Rapla und von dort den Veloweg bis Tallinn. Heute Morgen wird wiederum Regen prognostiziert. Als ich mich  zum Bahnhof aufmache, fallen die ersten Tropfen. 

Pärnu mit seinen 40'000 Einwohner ist Endstation der Linie nach Tallinn. Der Bahnhof liegt 4.5 km ausserhalb des Zentrums. Als ich ankomme, steht da tatsächlich eine Komposition von Stadler Rail!
Die Fahrt nach Rapla mit dem Bummler dauert rund eineinhalb Stunden. Es regnet und windet, als der Zug Rappla erreicht. Da es mir im Stadler Zug so wohl ist und ich mir gar nicht vorstellen kann, nochmals bei solchem Sauwetter mit dem Velo unterwegs zu sein, löse ich für €2.70 für die nächste Stunde nach. 
Ob der Film nach diesem Ort benannt wurde?
Nachdem ich das Hoteluzimmer berzogen habe, mache ich mich auf den Weg ins Stadtzentrum, um einen Dessert zu geniessen, da der Proviant unterwegs ungenügend war. Der erste Eindruck der Stadt ist sehr positiv. 

Das Abendessen beim Inder ebenfalls. 
Anders als in der Schweiz ist das Thermometer heute nicht über 14Grad gestiegen. Um 22 Uhr waren es gar 10 Grad!
Morgen werde ich das KuMu, das bekannte Kunstmuseum am Vormittag besuchen, meinen Bart stützen lassen (so darf ich doch Christine nicht unter die Augen treten)und am Nachmittag Arvi Perv, einen Lions Kollegen aus Tallinn zu einem Drink treffen. Um 17 Uhr werde ich dann, nach mehr als drei Wochen, meine Geliebte ( seit 42 Jahren) wieder in die Arme schliessen können.

Montag, 12. Juni 2017

Ainazi - Pärnu

Nun hat es mich erwischt! Es windet und regnet. Die Fensterscheiben meines Zimmers sind voller Tropfen. Nach dem Frühstück ziehe ich mich wetterfest an: Regenhose, Überzug für die Schuhe usw.
Kaum bin ich losgefahren hört es auf zu regnen. Für die nächsten 10 km. Dann beginnt es von Neuem und steigert sich zum Wolkenbruch mit Böen. Während der Hälfte des heutigen Pensums fahre ich auf einer Strasse ohne wesentlichen Verkehr. Dann geht es wieder auf die E67. Angenehm war diese Lastwagen reiche Verkehrsstrasse zwischen Riga und Tallinn nie. Doch heute mit dem starken Regen ist die Fahrt eine Zumutung. Jeden Lastwagen erlebe ich als riesigen Wasserzerstäuber mit anschliessendem Sog. Und es sind heute Montag wirklich viele Wasserzerstäuber unterwegs.
Ich genehmige mir während den drei Stunden die ich für die 72 km benötige eine Banane und einen Schluck Wasser. Nur schnell weg! Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/Std währen dreier Stunden, mit einem Gesamtgewicht von rund 110kg, habe ich noch nie erreicht. Und das als AHV Bezüger!


 Es hat doch noch eine trockene Stelle!


Pärnu bei Regen ist nichts Schönes. Aber Pärnu bei Regen und Reisebus-Touristen en Masse aus unserem nördlichen Nachbarland (wo kommend die alle her?) ist bemühend. Bis 17 Uhr regnet und stürmt es. Dann wage ich mich aus dem Haus. Einige Fotos belegen, dass dieser Ort durchaus Charme hat.





So sehen die Estinnen aus

Heute müsste es einmal Salat und Pizza sein!  Vor der Pizzeria standen die Leute an; also wenig Hoffnung für eine Einzelperson. Ich suche also eine Alternative, finde aber nichts, was mich anspricht. Nach 45' versuche ich es nochmals und es klappt. Es ist eine estnische Pizza, eher eine Käseschnitte, aber schmackhaft. Mir fällt auf, dass es in allen von mir besuchten Restaurants im Baltikum eine Kinderecke hat. Ob das Voraussetzung für den Erhalt einer Bewilligung ist, oder daran, dass die Balten von Natur aus so kinderliebend sind?
Bei dieser Gelegenheit noch eine Frage, die ich noch nicht beantworten kann: Müssen im Baltikum erwachsene Frauen künstliche Fingernägel tragen? Und diese in allen Längen und Variationen. Besonders beliebt sind diejenigen Modelle, die lang und ganz spitzig sind. Ich verzichte auf jegliche Vermutungen.

Für die nächsten beide Tage hatte ich geplant auf der E67 nach Tallinn zu fahren. Nach meinem heutigen Erlebnis suche ich nach Alternativen, zumal für morgen wiederum Regen prognostiziert ist.


Sonntag, 11. Juni 2017

Dunte- Ainazi

Juni oder doch Oktober? Der Blick von meinem kleinen Balkon verunsichert mich: Nebel! Eigentlich sollte es mich nicht überraschen, erlebten wir dich anlässlich der Kreuzfahrt "Baltic sea" dasselbe. Der Kapitän musste damals mitten in der Nacht in der viel befahrenen See immer wieder das Nebelhorn betätigen. Das bleibt in Erinnerung. 
Ich lerne die Hoteliere/Wirtin von "Meke" kennen. Eine kräftig gebaute Lettin, Mitte 50. Nachdem sie mit Ihrem Mann vor 7 Jahren das Restaurant eröffnet hat, kauften die Beiden 2015 die alte Schule von Dunte und haben ein Bijou daraus gemacht. 



Obwohl es bedeutend weniger Verkehr als noch gestern hat, Lastwagen fahren auch Sonntags, bin ich heute nicht sehr motiviert auf dem "Race Track". Nach der Hälfte der Strecke - heute ist Sonntagsfahrt nur 50 km -, mache ich Pause und zwei Deutsche gesellen sich zu mir. (Typ Cabaret Rotstift). Ich bin froh, sie nach der Pause wieder hinter mir lassen zu können.


Schon bald bin ich beim Hotel. Wiederum ein schöner Ort, den man, wie Meke, eigentlich hier nicht erwartet. Das Restaurant, noch immer in der Pampa, voll! 
Nun beginnt die Sight Seeing Tour durch dieses 800 Seelendorf. Im Seefahrer Museum erfahre ich mehr. Mitte 19. Jh. wurde hier eine Seefahrerschule gegründet. Es stellte eine Alternative für die landlose Bauernschaft dar. Angeblich gehörte der gesamte Boden den deutschen Gutsbesitzern. Die Schule war ein Erfolg. Ende des Jahrhunderts waren Letten in 18 Häfen weltweit, etliche in Südamerika, als Piloten tätig und verhalfen den Letten zu Bekanntheit. Piloten sind die Spezialisten genannt, die grosse Schiffe sicher in die Häfen bringen. Auch Schiffe wurden hier gebaut.



Auf meine Standardfrage, was sich seit der Unabhängigkeit geändert hat, resp. was zuvor besser war, nannte mir die Verwalterin zwei Punkte: erstens der Zusammenhalt. Vermutlich durch den äusseren sowjetischen Druck. Als Zweites erwähnte sie die Nahrungsmittel, die früher besser waren. Sie meinte die Qualität des Fleisches und der Butter. Zwar wäre nie alles erhältlich gewesen, obwohl man Geld gehabt hätte. Dies deckt sich mit der Aussage des Herrn in Finow. Das Problem der Letten, und auch der Litauer, ist die Abwanderung der Jungen. Die Verwalterin erzählte von ihrer Tochter, die einen Briten geheiratet hat und mit ihrem Enkel in England lebt.
Ausser einem sehr schönen Haus und einer orthodoxen Kirche aus dem 19. Jahrhundert bietet Ainazi nicht gerade viel. Da Ainazi direkt an der Grenze zu Estland liegt kann ich es nicht verkneifen kurz nach "Eesti" zu fahren.


Ich sitze im Restaurant der Hotels und habe hervorragend gegessen. Im Hintergrund singt Diana Krall, das Lokal hat nur noch wenige Gäste. Ich fühle mich sauwohl. Für morgen ist Regen gemeldet😩.






Samstag, 10. Juni 2017

Riga - Dunte

Der Morgen beginnt heute mitten in der Nacht. Vermutlich vor fünf Uhr, ein Geschrei und eine Tür die zugeschlagen wird. Etwas später, vermutlich Fussballfans, ein Gejohle. Trotzdem, ich schlafe göttlich weiter.
Um sieben Uhr, auf dem Weg zum vermeintlichen Frühstück, werde ich im Erdgeschoss von zwei schlafenden Mitarbeitern "empfangen". Mein Problem: Frühstück an Wochenenden erst ab acht Uhr!
Um neun Uhr geht die Fahrt los. Ich verlasse diese schöne Jugendstil-Stadt auf dem Veloweg. Nach zehn Kilometern ist Schluss und ich fahre auf de 4-spurige verkehrsreichen und sehr lautem Autostrasse 50 Kilometer weit. 



Am Strassenrand steht ein Mann mit oranger Weste. Kontrolle? Nein. Tirgas, was Markt heisst. Mitten in der Pampa! Ein Flohmarkt. Ich bin erstaunt über die vielen Besucherautos. Hier gibt es alles: vom Lada, Jahrgang 1984, über Lenin in Variationen, sehr schönem antiken Silberbesteck, Orden der Russen und der Nazis usw.  





Plötzlich die Ankündigung per Lautsprecher aus einem Fahrzeug der MP. Dahinter ein Konvoi von rund 20 Raupenfahrzeugen mit Anhänger. Sieht speziell aus. Entweder top modern oder älteren Datums. Ich wage keine Aussage!


Auftanken!

In Saulkratis informiere ich mich über die möglichen Wege nach Norden. Es gibt nur den Highway E67. Bravo! Ich habe mir eine nette Strasse dem Strand entlang vorgestellt. Jänu....
Im Info-Büro spricht eine Familie russisch mit den Mitarbeiterinnen. Dazu ist zu sagen, dass ein Viertel aller Einwohner Russen sind. Im Grossen und Ganzen sprechen diese kein Lettisch, obwohl sie bereits seit der Zeit vor 1991 hier leben. 



Das Hotel ist klein, geschmackvoll und sehr sympathisch. Das dazu gehörende Restaurant, es ist 500 m entfernt,  ebenfalls. Ich bin beeindruckt über die zahlreichen Gäste. Dunte ist nun wirklich nicht zentral gelegen.



Zum zweiten Mal auf meiner Reise ist eine Strandwanderung angesagt. Es sind spezielle Momente. Die Brandung, die salzige Luft und der Sand zwischen den Zehen....... Momente die ich geniesse. 
Das Abendessen ist vorzüglich. Ein riesengrosses Stück Schweinsfilet an einer würzigen Vinaigrette und zum Dessert eine Bread Soup. Es schmeckt ausgezeichnet, ist sehr "riche" aber weiter nicht definierbar.
Nun sitze ich hier auf meiner kleinen Terrasse und freue mich auf den morgigen Tag.
Und immer wieder...

Violette Lupinen und...
Lila Flieder



Freitag, 9. Juni 2017

Tukums - Riga


Die Fahrt von Tukums zum Meer ist wiederum eine Fahrt durch die Natur. Die Dörfer am Weg sind eher einfach, die bei der Durchfahrt gesichtete Bewohner bescheiden. Aber alles macht einen ordentlichen Eindruck. 


An der Küste, das Meer habe ich heute nicht zu Gesicht bekommen, nimmt der Verkehr zu, je näher ich mich Jurmala (56'000 Einwohner), dem Badestrand von Riga nähere. Die Strasse läuft parallel zum Meer, von diesem  durch einen Wald getrennt. Immer öfter sichte ich Cafés. Für meine heisse Schoggi ist es noch zu früh.

Später dann doch...
20 km gerade Strasse, teilweise mit separatem Veloweg. Die ganzen Kilometer sind nachts beleuchtet und an jedem Kandalaber sind Geranien aufgehängt. Es ist die bevorzugte Wohnlage, sei es als festen Wohnsitz oder als Zweitwohnung/-haus. Entsprechend schöne Holzhäuser im typischen Stil, aber auch moderne Mehrfamilienhäuser liegen am Weg. Was nebst einigen heruntergekommenen Holzhäusern ins Auge sticht, sind die zahlreichen zum Verkauf stehenden Liegenschaften. Für einige tritt sogar Sotheby's als Makler auf.



Ich bin froh, dass ich mich während der bisherigen Reise auf den heruntergeladenen Track auf meinem IPhone verlassen konnte. Der Radweg in die Stadt zu finden wäre ohne GPS extrem schwierig gewesen. Da der Eurpaweg R1 sich ab morgen von meinem Weg, der Küste entlang nach Norden, trennt, werde ich auf diesen Komfort verzichten müssen.


In Riga erfahre ich, dass "mein" Hotel bereits ausgebucht ist. Der freundliche Receptionist empfiehlt ein anderes Hotel der Gruppe. Nach 15' für das Check-in finde ich ein Zimmer vor, das mich nicht gerade aus den Socken haut. Ich verzichte über Details zu berichten. Ich dusche schnell und mache mich dann auf den Weg zum Tourismusbüro, um zusätzliche Infos für den morgigen Tag einzuholen. 
Ich bin selber überrascht ab mir: das lausige Zimmer nagt an meiner Stimmung, mit der Konsequenz, dass ich das Hotel wechsle. Nun geht es mir wieder gut!




Riga ist eine herrliche Stadt mit bewegter vergangenheit. Im 1. Weltkrieg besetzten zuerst die Russen, dann die Deutschen die Stadt. 1921 wurde Riga Hauptstadt des unabhängigen Lettlands. 1940 wieder durch die Russen, 1941 durch die Deutschen und 1944 wiederum durch die Russen eingenommen und bis 1991 besetzt gehalten. Anschliessend wurde Riga wieder Hauptstadt. Umso erstaunlicher  ist die heute anzutreffende Schönheit der Jugendstil Stadt Riga.

Wenn nur die allzuvielen Touristen nicht wären. Riga freuts, mich aus der Natur kommend, störts.
Erstmals auf meiner Reise geniesse eine panierte Flunder auf der Terrasse eines Downtown-Restaurants.